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Ein „Arbeiter der Liebe“ hat auch am Geburtstag nicht frei

Wenn ein Christian Steiffen seine aktuelle Tour unter das Motto „Ich komme“ stellt, darf man sich natürlich besonders darüber freuen, dass er auch an seinem Geburtstag „kommt“.

So geschehen am letzten Freitag, 24. April, im Lokschuppen in Bielefeld… der Tag an dem Christian Steiffen – geboren am 24. April 1971 als Hardy Schwetter – seinen 55. Geburtstag feiert. Eine Feier im „kleinen Kreis“ in der mit fast 3000 Menschen seit Wochen restlos ausverkauften Lokhalle. Wir durften mit dabei sein und in Steiffens Partykeller von der ersten bis zur letzten Sekunde des Abends über zwei Stunden lang ekstatisch mitfeiern.

Schon bei unserer Ankunft mit entsprechender Parkplatzsuche ist im Umfeld der Location deutlich zu erkennen, wer ebenfalls auf dem Weg zum Konzert ist: Bunte Hemden, schrille Outfits, Flower-Power, T-Shirts mit deutlicher Botschaft und ausgelassene Stimmung. Wenn der „Gott Of Schlager“ ruft, pilgert seine Gemeinschaft aus allen Himmelsrichtungen heran.

Noch bevor das Konzert beginnt, singt sich die Halle mit ihrem „Happy Birthday“ für das Geburtstagskind warm. Die Gesänge erreichen pünktlich ihren Höhepunkt, als Christian Steiffen gemeinsam mit seinem Orchesterchef Dr. Martin Haseland (Martin Schmeing) und Backgroundsängerin Meike die Bühne betritt. Ähnlich wie der Künstler ist auch das Publikum sofort auf Temperatur und zeigt sich schon beim traditionellen Opener „Wie schön, dass ich hier bin“ extrem textsicher. Mit den nachfolgenden Songs „Hier ist Party“ und „Ich hab die ganze Nacht von mir geträumt“ ist klar, das hier wird heute ne tolle Geburtstagsfeier. Ausgelassene Stimmung – einige aufgrund des Vorglühens ziemlich ausgelassen – und sehr viel Spaß. Die Christian Steiffen-Hardliner wissen natürlich, wie so ein Konzert abläuft. Steiffens Setlist lebt nur von kleinen Veränderungen, was natürlich auch daran liegt, dass der Künstler mit „Arbeiter der Liebe“ (2013), „Ferien vom Rock`n Roll“ (2015) und „Gott Of Schlager“ (2019) bis dato nur drei Longplayer veröffentlicht hat… - so ein Phänomen hat natürlich auch etwas mit Kult zu tun, besonders die Songs aus dem ersten Album sind absolute Klassiker und nehmen immer noch einen Großteil seiner Konzerte ein, auch am Freitag in Bielefeld.

Christian Steiffens Lieder gehen durchaus als Schlagermusik durch, so dass er seinen selbsternannten Titel Schlagergott auf jeden Fall zurecht trägt. Dabei ist er nie ein großer Fan dieser Musikrichtung gewesen. Vor Jahren wurde er einmal gefragt, wie das mit ihm und dem deutschen Schlager begonnen habe. Seine Antwort: „Eigentlich begann das überhaupt nicht. Ich bin in den 70er Jahren sozialisiert worden. Das war die Zeit, in der ich im Partykeller meiner Eltern mit Schlager gequält wurde. Die Familie hat auch die ganzen Peter-Alexander-Filme geguckt. Das hat sich in mein Unterbewusstsein eingebrannt. Ein Trauma. Ich war nie Schlagerfan.“

Nun, wenn man sich ein wenig intensiver mit Steiffens Texten beschäftigt, kann man durchaus annehmen, dass er ein wenig Rache nimmt. Seine Zeilen strotzen vor Zweideutigkeiten, selbstironischen Weisheiten und Selbstverliebtheit, so liest sich der Titel „Ich hab Dir den Mond gekauft“ wie ein vor Schmalz triefendes Liebeslied, aber letztlich heißt es in dem Lied „Ich hab dir den Mond gekauft - Und morgen schieß ich dich da rauf - Oder vielleicht sogar bis hinter den Mond - Denn da hast du ja schon immer gewohnt.“ Da muss man erst einmal drauf kommen, und das ist das Grundrezept für seine Art von Musik, die ihn ziemlich einzigartig macht.

Was wäre aber Christian Steiffen ohne sein Original Haselandorchester? Dahinter verbirgt sich Tastendompteur Dr. Martin Haseland, ein absoluter Tausendsassa, der die Steiffen-Songs zumeist als Einzelkämpfer begleitet. Unterstützt wird er bei einigen Titeln vom Saxofonisten Tommy Schneller, weil „einige Songs ohne Saxofon nicht gehen“, wie Steiffen selbst sagt. Schneller übernimmt im Rahmen der Tour auch teilweise den Backgroundgesang. Das ist allerdings die Hauptaufgabe von Sängerin Meike, die bei Steiffens Songs „Die dicksten Eier der Welt“ sogar ein wunderbares Solo beisteuert. Der Geiger So-Kumneth Sim komplettiert den musikalischen Klangteppich, als er zum Titel „In Budapest beim Schützenfest 1810“ auf die Bühne kommt und letztlich entscheidend dazu beiträgt, dass sich Martin Haseland zu einer kraftraubenden Einlage Marke Kosakentanz hinreißen und den Lokschuppen förmlich erbeben lässt.

Mit dem countrylastigen „Wie der Wind“ und Steiffens wohl größtem Hit „Ich fühl mich Disco“ endet das Konzert, ehe es nach kurzen Zugabe-Rufen direkt in den Nachschlag geht. Übrigens, das Publikum hatte bereits zu Konzertbeginn nach dem ersten Lied „Zugabe“ gebrüllt.

Mit dem kultigen „Sexualverkehr“ geht es schließlich in die finale Phase, ehe das Steiffen-Geburtstagsfest mit „Du gehst niemals allein“, der deutschen Version von „You`ll Never Walk Alone“ noch einmal emotional auf die Zielgerade geht. „Wir haben in vor wenigen Tagen den größten Steiffen-Fan der Welt begraben müssen… meine Mutter“, sagt der nun 55-jährige und widmet ihr den Song. Lautstark singt der Lokschuppen mit, und da macht es auch absolut gar nichts, dass am Ende alle in englischer Sprache singen.

Das Geburtstagskind zieht sich ein durchnässtes Rüschenhemd aus und wirft es unter lautem Jubel ins Publikum… hoffentlich hat der Gott Of Schlager noch das eine oder andere Ersatzhemd, denn in seinem Fan-Shop ist aktuell keines mehr für knapp 50 Euro verfügbar.

Fazit: Ein Erlebnis! Schaltet die verrückte Welt da draußen einfach mal ab und werdet für einen Abend ein Schlager-Jünger… Ihr werdet die Welt nicht ändern können, aber vielleicht mit anderen Augen sehen.

Nächstes Konzert in der Nähe von Hamm:
30. Mai, Messe- und Congress Centrum Halle Münsterland in Münster