Bruno Jonas "Nur mal angenommen..." in Ahlen

Als Wolf im Schafspelz präsentierte sich der alte Hase Bruno Jonas gestern Abend in der Stadthalle Ahlen mit seinem aktuellen Kabarett-Programm „Nur mal angenommen“. Die Radio Runde Hamm war für Euch wieder einmal vor Ort.

Präsentiert wurde sein Auftritt von der Kulturgesellschaft der Stadt Ahlen. Nach einer kurzen Einleitung durch Frau Renate Franke von der Kulturgesellschaft, in der sie die derzeitige politische Lage als historisch bezeichnete, ein bemerkenswerter Satz, wie ich finde, lugte Bruno Jonas hinter dem Vorhang hervor und schlich fast schon schüchtern auf die Bühne. Diese war mit lauter Paketen und einer Büste dekoriert. Zumindest die Anwesenheit der Pakete klärte sich sehr schnell, denn Jonas gab vor, in seinem Wohnhaus die Pakete für alle Nachbarn anzunehmen und diese Aufgabe sehr ernst zu nehmen, denn schließlich habe der Paketbote ja sein besonderes Vertrauen in ihn gesetzt, was ihn ehre. 

Jonas plauderte zunächst eher zurückhaltend auf das Publikum ein, höflich und mit viel niederbayerischem Charme und nahm dabei sofort Bezug auf das aktuelle politische Geschehen, in diesem Fall die gescheiterten Verhandlungen zu einer möglichen Jamaika-Koalition. Und sofort wurde deutlich, dass man sehr genau hinhören musste an diesem Abend, denn Jonas spann ein feines Netz aus bitterböser Ironie und Wortwitz. Nicht alles, was er sagte, war auch genau so gemeint. Jonas stellte sehr kluge Fragen, die das Publikum länger beschäftigen dürften: Ist das Richtige falsch, weil es der Falsche sagt? Wird etwa das Richtige nicht gesagt, weil es die Falschen beklatschen könnten? Grübelte das Publikum zu lange, fragte er besorgt nach, ob er zu schnell rede...

Ja, viele seiner Aussagen trieften nur so vor Ironie. So stellte er fest, dass in NRW sehr viele schlaue Menschen leben, weil 60% der Schüler Abitur machen, was ihm bisher gar nicht so sehr aufgefallen sei. In Bayern sei das nur rund ein Drittel. Folgerichtig lobte er das sehr schlaue Publikum in Ahlen, mit dem er sehr gerne zusammen sei, wie er betonte, und stellte immer wieder fest, dass er als Bayer zu dumm sei, viele Zusammenhänge zu verstehen. Das ganze wurde dann den ganzen Abend über zum Running Gag. 

Jonas zierte sich nicht, unangenehme Themen anzusprechen. So gebe es Feinstaub-Höchstgrenzen für die Luft in Innenstädten von 40 Mikrogramm, in Innenräumen sei der Höchstwert jedoch bei 960 Mikrogramm festgelegt worden. Da stimme doch was nicht. Entsprechend kritisierte er die derzeitige Hysterie um Diesel-Kraftfahrzeuge. Im Kern scheint es Jonas dabei eher um das dauernde Aufbauschen wissenschaftlicher Erkenntnisse zu vermeintlich kaum noch aufzuhaltenden Katastrophen zu gehen. In diesem Zusammenhang merkte er an, dass die Grünen seit jeher immer schon mit Bildern einer drohenden Apokalypse auf Wählerfang gegangen seien, bei stetig wechselnden Szenarien. 

Auch die SPD bekam ihr Fett weg. Andrea Nahles habe sich kürzlich entsetzt gezeigt, dass den Rentnern zukünftig die Altersarmut drohe. Jonas stellte klar, dass doch die SPD seit ewigen Zeiten das deutsche Rentensystem mit Gesetzen „zukunftstauglich“ mache, indem man das Rentenniveau absenke. Schon 1976, unter Kanzler Schmidt, sei ein Rentenloch festgestellt worden. Adäquate Konsequenzen wurden daraus nicht gezogen. Dabei war schon damals die demographische Entwicklung unserer Bevölkerung klar abzusehen. Kanzler Schröder habe die Hartz-Gesetze zu verantworten, und künftig werden von den viel zu niedrigen Renten nicht nur die Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge, sondern auch noch Steuern abgezogen. Andrea Nahles habe also keinen Grund, überrascht zu tun. Die SPD biete nur Lösungsmöglichkeiten für die von der SPD selbst geschaffenen Probleme an. Außerdem gebe die SPD ihre Überzeugungen auf, was natürlich ein besonderes Vertrauen in die Politik schaffe. Autsch, das saß...

Jonas ergründete die Politikverdrossenheit der Deutschen, aber auch der Europäer insgesamt, und stellte die heikle Frage, ob Demokratie wirklich das beste System ist. In Anlehnung an den großen Philosophen Platon, der Demokratie als Quatschbude verhöhnte und eine Herrschaft der Weisen forderte, stellte Jonas fest, dass die Schwachstelle des demokratischen Systems der Mensch sei, der zwar „vernunftbegabt“ sei, was allerdings die Existenz vieler „Deppen“ beinhalte, da Begabung allein ja nicht genüge.

Auch er kam natürlich nicht an den Dauerthemen AfD, Trump, Erdogan und, wie er ihn nannte, Voll-Horst Seehofer vorbei. Insgesamt kamen allerdings CDU, CSU und FDP nicht ganz so schwerpunktmäßig in seinem insgesamt 12. Solo-Programm „Nur mal angenommen“ vor. Daraus zu schließen, dass er speziell nur die Grünen, die SPD und die AfD auf dem Kieker habe, geht für mein Gefühl allerdings zu weit. Jonas setzte neben der Politik ganz einfach andere Schwerpunkte. Die Technisierung der Gesellschaft war solch ein Schwerpunkt. Das in der Mehrheit ältere Publikum hatte größtes Verständnis, wenn er über Laubbläser, Smartphones und Smart-Watches ablästerte. So sinnierte er über eine Blasen-App, die dem Besitzer melde, wenn seine Blase zur Hälfte oder zwei Drittel gefüllt sei und dem User weltweite Toilettenanlagen anzeige. Das alles sei „Social Economy“. Der Kunde wisse nicht was er braucht, man müsse ihm das sagen! So funktioniere Wirtschaft heute. Das Streichen über das Display sei die Zärtlichkeit moderner Paare. Patsch, auch das saß...

Bruno Jonas hat viel gelernt in seinen Anfangszeiten als Kabarettist. Er wurde wie ein Diamant geschliffen in der legendären Münchner Lach- und Schießgesellschaft und später in seiner Zusammenarbeit mit dem großen Dieter Hildebrandt in der Fernseh-Kabarattsendung „Scheibenwischer“. So war Jonas mit Leichtigkeit in der Lage, auf zahlreiche Zwischenrufe aus dem Publikum zu reagieren und den Saal in sein Programm mit einzubeziehen, wobei es oft sogar  am lustigsten wurde.

Langweilig wurde es zu keinem Zeitpunkt. Jonas arbeitete so viele Themen ab, die den Nerv des Publikums trafen, dass man aus dem Lachen und Kopfnicken gar nicht mehr herauskam. 

Wer die Faxen von der heutigen Politik, der Technikgläubigkeit, der Political Correctness, insbesondere in der Sprache (Darf man heutzutage noch von Versöhnung sprechen, oder muss man eher „Vertöchterung“ sagen?) und sonstigen Phänomenen des Zeitgeistes dicke hat, der sollte sein aktuelles Programm unbedingt besuchen!

In Ahlen taten dies leider nur rund 160 Gäste. Ein eher überschaubares Ergebnis. Politisches Kabarett hat es in diesen politisch und gesellschaftlich unruhigen Zeiten schwer. Die Menschen haben offenbar die Schnauze voll von schlechten Nachrichten, Horrormeldungen und apokalyptischen Szenarien. Aber Jonas kommt mit einer besonderen Leichtigkeit daher, die das Programm nicht allzu schwermütig erscheinen lässt. Es gibt zwar ordentlich was auf‘s Maul, aber ganz sanft und charmant. So durfte Jonas in der Pause viele Bücher verkaufen und signieren. Auch wir schlugen hier begeistert zu.

Immerhin waren auch viele Hammer im Publikum vertreten, darunter Bine Latermann und Frank Strauch von den Herbpirates. Hoffen wir mal, dass nicht nur viele Hammer zum Weihnachtskonzert der Herbpirates am 16.12. in den Hoppegarden kommen, sondern dass sich auch die Ahlener Reggae-Fans revanchieren und am 16.12. in den Hammer Westen pilgern...

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