Zeitreise in die 70er im Hilpert-Theater

Man ist heutzutage schnell dabei, bestimmte Dinge, die einem ans Herz gewachsen sind, als „Kult“ zu bezeichnen. Diese TV-Serie darf aber ohne Widerspruch den Titel „Kult“ tragen: Wolfgang Menges „Ein Herz und eine Seele“.

Wie aber setzt man diesen „Kult“ auf einer Theaterbühne um, ohne die hohen Erwartungen gar zu enttäuschen? Die Kammeroper Köln traut sich seit gut zwei Jahren an diese Sache heran und bringt seitdem Ekel Alfred, seine Frau Else sowie Tochter Rita und Schwiegersohn Michael auf den Grundlagen der Original-Skripts auf die Bühne. Das so etwas gelingt, steht und fällt in den meisten Fällen mit der Titelfigur. Die Rolle des stets meckernden kleinen Schnauzbartträgers aus Bochum-Wattenscheid spielt Wolfram Fuchs, der die legendären TV-Folgen für das Theater inszeniert hat.

Am gestrigen Donnerstag konnte sich das Publikum im Heinz-Hilpert-Theater in Lünen selbst ein Bild davon machen. Ein Blick ins Zuschauerrund macht schnell deutlich, dass sind durchweg Menschen, die vor über 40 Jahren bereits die „Ein Herz und eine Seele“-Folgen vor dem Fernseher verfolgt haben. Kein Wunder also, dass bei den ersten Mundharmonikatönen der Titelmusik ein wohliges Seufzen durch die Reihen des Theaters geht. Das setzt sich fort, als der rote Vorhang langsam nach rechts und links wandert und den Blick auf das Bühnenbild freigibt. 70er Nostalgie vom Feinsten und die Fans von Alfred & Co erkennen sofort zwei Spielorte, an denen sich schon zu Serienzeiten das Familienleben der Tetzlaffs schwerpunktmäßig abgespielt hat: Wohnzimmer und Küche.

In Lünen darf sich das Publikum auf die Episoden „Frühjahrsputz“ (lief am 18.03.1974 im TV) und „Tapetenwechsel“ (vom 12.08.1974) freuen. In den ersten Minuten macht man sich schnell mit den „neuen Personen“ von Else, Rita und Michael vertraut und wartet mit Spannung auf den ersten Auftritt von Alfred… der kommt dann auch wenig später im Hertha-BSC-Fußball-Outfit. Als Zuschauer muss dann doch zunächst ein wenig für Ordnung im Kopf sorgen und die schauspielerische Leistung eines Heinz Schubert, der dem „Alfred“ damals Gesicht, Stimme und Person verliehen hat, vernachlässigen, um sich auf das Spiel von Wolfram Fuchs einzulassen. Das ist nicht immer einfach, aber der Schauspieler kommt der Person von Alfred sehr nah. Die „Alfred-Gemeinde“ kann natürlich im Stillen viele Textpassagen mitsprechen, aber wenn für Else Hertha BSC genauso eine Frau ist wie Nachbarin Hertha Suhrbier („Muss ja ein schönes Flittchen sein, diese Hertha!“) dann zündet der Lacher auch im Jahre 2019. Das ist sowieso das Einmalige an diesen Geschichten: Man muss sie politisch nicht in die Neuzeit transportieren oder aktualisieren. So bleibt die Inszenierung in Lünen nahe am Original.

Nach der Pause geht es mit dem „Tapetenwechsel“ gewohnt weiter. Das, was Wolfram Fuchs auch hier an Text zu sprechen hat, ist wirklich anzuerkennen. Auch wenn seine Schauspielkollegen zumeist nur Stichwortgeber für seine ausschweifenden Monologe und Erklärungen sind, machen diese das hervorragend und sollen hier auf jeden Fall Erwähnung finden. Doris Otto haucht der leidgeplagten Else Theaterleben ein, Laura Wieder spielt Tochter Rita und Christian Sabisch die von Schwiegersohn Michael. In der Episode „Tapetenwechsel“ ist schließlich noch Britta Kohlhaas als Leyla zu sehen.

Nach dem zweistündigen Abend ist der Beifall am Ende eher verhalten. Vielleicht haben doch viele im Heinz-Hilpert-Theater eine Auferstehung von Heinz Schubert erwartet, aber den gibt es leider nur noch auf DVDs, im Archiv oder bei YouTube, so sollte man letztlich die Spielleistung des Ensembles honorieren. Klar, letztlich gibt es nur ein „Ekel Alfred“, aber die Kopie der Kammeroper ist das Ansehen allemal wert.

Wie sagte Alfred am Abend zu seiner Else? „Wenn man keine Ahnung hat, dann hält man bescheiden die Schnauze!“ sowie „Als ob ich dir bei der Eheschließung versprochen habe, noch zu wachsen.“  :-)

www.kammeroper-koeln.de
www.luenen.de/leben-in-luenen/kultur-veranstaltungen/kulturbuero/heinz-hilpert-theater