Lüül ganz familiär in Unna

So häufig kommt Lüül, bürgerlich Lutz Graf-Ulbrich, ein alter Freund der Radio Runde Hamm, nicht in unsere Regionen nach NRW. Daher war es für uns ein Muss, sein Konzert im Kulturzentrum Lindenbrauerei in Unna zu besuchen, zumal wir echte Fans seiner Musik sind.

Und es wurde ein unvergesslicher Konzertabend.

Lüül kennt bedauerlicherweise kaum jemand in NRW, obwohl er ein bewegtes Musiker- und Privatleben hinter sich hat. Der begnadete Gitarrist spielte zunächst bei der Band Agitation Free, die nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland, vor allem in Frankreich, großen Erfolg hatte, u.a. zusammen mit späteren Mitgliedern von Tangerine Dream (Chris Franke) und Guru Guru (Axel Genrich) sowie Michael Hoenig, der mit Tangerine Dream, Klaus Schulze und Manuel Göttsching (Ashra, Ash Ra Tempel) zusammenarbeitete, oder Harald Großkopf. Danach wurde Lüül Mitglied bei Ash Ra Tempel bzw. Ashra und spielte sich vor allem bei den Ashra-Alben „Correlations“ und „Belle Alliance“ in mein Herz.

Privat war Lüül lange Zeit mit einer der größten deutschen Pop-Ikonen aller Zeiten, nämlich mit Nico zusammen, jene Muse von Andy Warhol und Sängerin auf dem ersten Album der legendären amerikanischen Band Velvet Underground, die mit dem bekannten Cover mit der gelben Banane von Andy Warhol, das ihren Namen trägt: Velvet Underground & Nico. Mit ihr erlebte Lüül schöne, aber auch harte Zeiten mit Drogenabhängigkeit und Alkohol. Er spielte in Nicos Band, traf auf John Cale und David Bowie. Lüül hat diese wichtige Phase ihres Lebens dokumentiert in einem Buch, mit dem er derzeit ebenfalls auf Lesereise ist. Seit Ende der 90er Jahre gehört Lüül zum Kult-Ensemble 17 Hippies.

1981 veröffentlichte er noch als Lutz Ulbrich sein erstes eigenes Album „Lüül“ und nannte sich fortan so. Mit dem Song „Morgens in der U-Bahn“ gelang ihm sogar ein Hit, die gerade herangespülte Neue Deutsche Welle vereinnahmte ihn als einen der ihren. Dieses Album gibt es aktuell wieder auf CD, nicht zuletzt auch wegen des Stücks „Reich der Träume“, das Lüül für Nico schrieb und das sie auch sang.

Nach der zweiten LP „Lüül und ich“ von 1983 hatte er von dieser Art von Musik genug und änderte seinen musikalischen Stil merklich, und ist seit seinem 3. Album „Mond von Moabit“ aus dem Jahre 1996 nun mit einem total eigenständigen Stil unterwegs: Lieder aus dem Leben, über das Leben, über Schicksale, kleine erlebte Geschichten... die Musik dazu ist handgemacht, vielfältig, mal ruhig zart, mal ruppig, mal beschwingt, und immer diese unverwechselbare rauhe Stimme...

Ein typisches Beispiel dafür ist auch das aktuelle Album „Fremdenzimmer“, taufrisch aus dem Jahre 2018. Und mit diesem Album ist Lüül derzeit auf Tournee, in der Lindenbrauerei nur mit seiner Bandkollegin Kerstin Kaernbach als Duo.

Statt fand der Auftritt am 4. Oktober im „Schalander“, der Gastronomie der Lindenbrauerei. Der Eintritt war, für uns verblüffend, frei! Als wir das Schalander betraten, war die Bühne zwar schon hergerichtet, der Soundcheck abgeschlossen, aber noch spielten Leute hinter der Bühne lärmend Billard, an der Theke unterhielten sich lautstark einige Männer miteinander. Ansonsten war alles weitgehend leer. Nanu?

Wir enterten einen freien Tisch an der Bühne und testeten erst einmal das leckere Bier des Hauses. Da kam auch schon Lüül um die Ecke, erkannte uns und setzte sich an unseren Tisch. Sichtlich irritiert nahm er die merkwürdige Szenerie zur Kenntnis. Der Wirt habe ihm gesagt, die Gäste kämen oft erst direkt zu Konzertbeginn. Ob bis dahin auch die Billardspieler wohl fertig sind?

Wir diskutierten längere Zeit mit ihm über seine wechselvolle Karriere und die vielen verschiedenen Sachen, die er gemacht habe. Anders als z.B. bei Stoppok, den er als Beispiel nannte, der immer geradlinig sein Ding durchgezogen und sich so eine treue Fangemeinde aufgebaut habe, sei er quasi in der gesamten Bandbreite der Musik unterwegs, machte mal dies und mal das. Nur wenige Fans machten diese manchmal recht radikalen Sprünge mit. Aber der ganz große Ruhm, wie damals 1981 mit „Morgens in der U-Bahn“ im Fernsehen bei Formel 1 usw., scheint eh nicht Lüüls Ding zu sein. Bei Formel 1 fühlte er sich regelrecht vergewaltigt, so unbetreut und unvorbereitet in den Kulissen auf seinen Auftritt wartend.

Als sich der Raum immer noch nicht merklich füllte, nahm der Stargast des Abends die Sache mit Humor. „Das kommt halt schon mal vor“, meinte er achselzuckend. Er wolle noch zehn Minuten länger warten, und dann anfangen. „Dann ist die Atmosphäre halt etwas familiärer“, schmunzelte er mit bemerkenswertem Gleichmut.

Wenig später griff Lüül zur elektronisch verstärkten Gitarre, Kerstin Kaernbach zur Geige, und los ging‘s. Der Billardspieler war glücklicherweise verschwunden, die Männer an der Theke laberten jedoch weiter. Mit bemerkenswerter Professionalität boten die beiden Musikusse ein beeindruckendes Konzert. Das aktuelle Album „Fremdenzimmer“ war zunächst absoluter Schwerpunkt des Programms. Deutlich zeigte sich, dass an dem Album im Studio nichts getrickst oder geschönt worden ist, die Qualität der Stimmen und der Musik waren genau die von der CD. Wow!

Auch das Fehlen der restlichen Band bemerkte man kaum. Lüül war natürlich mit dem Gesang beschäftigt und spielte dazu Gitarre oder Ukulele, Kerstin Kaernbach lieferte die Backgroundstimme und spielte neben der Geige auch die singende Säge, das Theremin und sogar die Blockflöte. All das machte das Konzerterlebnis intensiver und intimer. Das Augenmerk lag so auch deutlicher auf den anspruchsvollen Texten und der tollen Stimme von Lüül. 

Das besonders Wertvolle waren die Erklärungen und Anmerkungen zu den meisten Stücken. Zu dem Lied „Dein Fenster“, das er bereits 1979 schrieb, erzählte Lüül über die Alkoholprobleme von Nico. In New York hatte sie sich eines Tages so betrunken, dass sie schließlich einen schweren Kater hatte. Er konnte sie nicht dazu überreden, das Konzert am Abend doch noch zu geben. Als er das Konzert bei John Cale in ihrem Namen absagte, saß ausgerechnet David Bowie bei ihm. Wieder einmal eine große vertane Chance für Nico, wie so oft, bedauerte Lüül.

Bei „Party People“ vom aktuellen Album verarbeitete Lüül seine Eindrücke über die Veränderungen in Berlin. So sehr er sich über die Wiedervereinigung Deutschlands freue, so sehr bedauere er die Veränderungen in seiner Heimatstadt, wo man überall nur noch Parties feiere, mit der Flasche Bier in der Hand, die Party People eben... und mit einem Augenzwinkern animierte er das spärliche Publikum im Schalander zum Mitsingen und Mitklatschen.

Bei dem Lied „Schnauze voll“ erzählte er von dem Videodreh in einem sogenannten Crash-Room, ein Raum, in dem man nach Herzenslust das gesamte Mobiliar zerdeppern darf, ein neuer Trend... natürlich aus Amerika. Schaut mal bei YouTube vorbei!

In der Halbzeitpause ging ein Hut durch die spärlichen Reihen, um für die Musiker zu sammeln. Währenddessen bot Lüül seine CDs und Bücher an. Wir nutzten die Gelegenheit, mit Kerstin Kaernbach zu plauschen, über das Theremin, über den Film „Halbe Treppe“, über die mit ihnen befreundeten Axel Prahl und Danny Dziuk. Dann bat Lüül wieder auf die Bühne. Jetzt waren Stücke früherer Alben in der Mehrheit, alle einzigartig dargeboten. Ein Genuss!

Apropos Genuss: Etwas skurril wirkte auf mich, dass ein Pärchen offenbar nur deshalb ins Schalander gekommen ist, um dort zu essen! Lüül wünschte guten Appetit. Als die Teller leer gegessen waren, gingen die beiden auch wieder, offenbar unbeeindruckt von dem laufenden Konzert.

So ging wie im Fluge ein unterhaltsamer und gleichsam denkwürdiger Konzertabend vorüber, der noch zwei Stunden so hätte weitergehen dürfen. Immerhin zwei Zugaben gaben die beiden noch, dann setzten sie sich wieder zu ihren Fans an den Nachbartisch. Nächste Woche, am 13.10. seien sie noch in Neuss zu Gast, gaben sie uns auf den Weg und begannen mit dem Abbau.

Fazit: Ein Konzert mit nur zwei Hand voll Zuschauern hab ich persönlich noch nie erlebt. Und dasbei freiem Eintritt. Zumal hier ein wunderbares Konzert gegeben wurde, und das nicht von irgendwem, sondern einem profilierten Musiker, der schon die ganze Welt bereist und mit jeder Menge Legenden der Musikszene zusammengearbeitet hat. Toll, wie professionell Lüül das Konzert trotzdem durchgezogen hat, als wären mehrere Hundert Zuschauer gekommen. Versteht einer das deutsche Volk noch? Gibt es wirklich keine Leute mehr, die eine hochwertige kulturelle Veranstaltung zu schätzen wissen, noch nicht einmal, wenn sie kostenlos ist? Das macht mich traurig! Und für die sympathischen Berliner ohne jede Allüren, die gern mit den Fans ins Gespräch kommen und ihnen jeden Wunsch erfüllen, tat mir das in der Seele weh...

Weitere Fotos in unserer Galerie