Heinz Rudolf Kunze in Lünen: Ein Flügel, ein Stuhl und drei Gitarren

Es gibt Veranstaltungen, da geht man hin ohne eine besondere Vorstellung, was einen wohl erwarten mag, und lässt sich einfach mal überraschen. So geschehen am Dienstagabend im Heinz-Hilpert-Theater in Lünen, wo Heinz Rudolf Kunze (HRK) mit seinem neuesten Solo-Programm „Wie der Name schon sagt“ gastierte.

Wir Begetts waren jahrzehntelang Kunze-Fans. Wir liebten Kunze als Liedermacher, als Deutschrocker, als Rockmusiker und mit seinen musikalisch-literarischen Programmen. Wir haben ihn unzählige Male live gesehen, zuletzt zweimal in Hamm in geradezu intimer Runde in der Otmar Alt Stiftung. Wir haben alle seine Platten bis hin zum 2012er Album „Ich bin“ und einige Bücher und DVDs. Doch dann ebbte unser Interesse an HRK etwas ab, da wir seine Lieder nicht mehr so relevant und eingängig fanden.

Als wir mitbekamen, dass HRK mit einem Programm, das er als „Mischung aus Springsteen on Broadway und der Harald Schmidt Show“ beschreibt, nur vier Tage vor seinem 63. Geburtstag im charmanten Heinz-Hilpert-Theater auftreten sollte, da wurden wir neugierig: Was macht unser Held von einst heutzutage so?

Uns bewegte die bange Frage, ob Kunze es noch kann. Kann er uns wieder einfangen und mit seiner schonungslosen Direktheit, mit messerscharf formulierten Absurditäten fesseln? Oder zieht er sich im Alter auf den bequemen Sessel des „Singer/Songwriters“ zurück, tut niemandem mehr weh und sinniert über vergangene Zeiten?

Umso größer ist die Freude, wenn man dann einen packenden Abend verlebt.

Wir stellten fest, dass HRK noch reichlich Leute zieht. Zwar war das große Stadttheater nicht ausverkauft, aber doch sehr gut gefüllt. Uns überraschte der bunte Querschnitt des Publikums. Viele kamen von weiter her, aus dem Bergischen, dem Münsterland oder dem westlichen und nördlichen Ruhrgebiet. Ein sympathisches Pärchen aus Recklinghausen, das seit den 80ern zur Fangemeinde zählt, erlebte an diesem Abend Kunze zum ersten Mal live ... und war restlos begeistert. Sicherlich trug dazu auch das schöne Ambiente seinen Teil bei. Die Sicht und die Akustik waren von allen Plätzen hervorragend, die Theatersessel äußerst bequem. Was will man mehr?

Ein Flügel, ein Stuhl und drei Gitarren - mehr braucht ein Kunze nicht, um die Bühne zu füllen.

Es begann mit einem absurden, aber lustigen Text aus dem Off. Und dann kam der Star des Abends auf die Bühne: älter, grauer, mit lichterem Haar und etwas wohlgenährter, als wir ihn in Erinnerung hatten. Aber genauso vital wie früher.

Und dann ging es richtig los im stetigen Wechsel zwischen Texten und Musik, quer durch Kunzes bald 40-jährige Karriere. Die unplugged mit Gitarre, Mundharmonika und Flügel dargebotene Musik funktionierte prächtig, man vermisste keine Band. Dafür sind auch einfach die Texte zu gut. Das ganze erinnerte ein wenig an den frühen Bob Dylan, für dessen Genuschel Kunze eine absolut nachvollziehbare Erklärung hatte: die „Folterfreundin“ in Form einer Mundharmonika-Halterung.

Natürlich begann HRK mit einem Klassiker: „Der Abend vor dem Morgen danach“ vom Mega-Bestseller „Brille“ aus dem Jahr 1991. Damals, zwischen 1985 und 1992, hatte er seine bei weitem erfolgreichste Phase mit seiner Band „Verstärkung“ und lief mit unzähligen Hits im Radio rauf und runter, ohne aber beliebig zu sein. Seine Texte waren nach wie vor eher Gedichte, seine Themen nicht immer bequem. Ob heute so etwas noch funktionieren würde? Vermutlich nicht...

Aber in Lünen saß überwiegend eine Generation, für die Solidarität und Zusammenstehen, Willkommenskultur und Toleranz, Bodenständigkeit und Fleiß, Ehrlichkeit und Bescheidenheit, Unempfindlichkeit und Wehrhaftigkeit und nicht zuletzt jede Menge Humor keine Fremdworte waren. Und die in den letzten Jahren einiges haben einstecken müssen. Kunze hat sich inzwischen angesichts dieser rasanten Veränderungen in der Gesellschaft und deren Werte, so mussten wir erfreut feststellen, ganz klar auf die Seite dieses Typus Mensch, zu dem auch er gehört, gestellt.

Kunze ist ein scharfsinniger Beobachter, insbesondere des aktuellen Zeitgeistes, und ein scharfzüngiger Poet. Kunze hat eine Haltung, zu der er steht, die er zeigt, die er verteidigt. Kunze traut sich, Dinge beim Namen zu nennen, wo andere längst den Schwanz einziehen. „Die jüngere Geschichte ist ein absteigender Ast, auf dem wir sitzen und fleißig sägen“ stellt HRK fest. „Es geht nicht mehr darum, wie es uns geht, sondern wie wir uns fühlen.“ Und er klagt an: „Nie war so viel Bildung frei verfügbar, aber es herrscht keine Nachfrage!“ Wumm, das saß!

Seinem Publikum sprach er aus dem Herzen an diesem Abend. Seine Texte waren wie immer lyrisch, aber auch voller Humor, zuweilen irrwitzig, stets pointiert, reich an Ironie und Zynismus und brachten DAS gekonnt auf den Punkt, was vielen in letzter Zeit so richtig auf die Nerven geht. Spontaner Zwischenapplaus bestätigte diese Einschätzung. Der Vergleich mit der Harald Schmidt Show war also gar nicht so weit hergeholt. Kunze machte phasenweise echtes Kabarett, ohne Frage, nur in seiner ganz eigenen Art. Die Themen waren vielfältig, reichten von Frauen bis Kirche, von der von ihm offenbar gar nicht geschätzten AKK bis zur Kanzlerin, von Fridays for future bis zur AfD.

Durch den ständigen Wechsel von Text und alten und neuen Musikstücken, die zumindest unplugged den alten Songs in nichts nachstanden, wurde es zu keinem Zeitpunkt langweilig. Die fast zweieinhalb Stunden vergingen wie im Fluge. Das Lüner Publikum fiel während des Konzerts nicht unbedingt durch Enthusiasmus auf, war aber trotzdem von Kunzes Programm restlos begeistert, wie man den Gesprächen in der Pause entnehmen konnte. Und so überraschte nicht, dass es am Ende noch lange nicht genug hatte. Zweimal musste HRK für insgesamt vier Zugaben auf die Bühne zurück. Er sah nach den insgesamt drei Stunden ein wenig erschöpft, aber durchaus zufrieden aus. Das Publikum dankte ihm seinen unermüdlichen Einsatz mit tosendem Applaus und Standing Ovations.

Fazit: Ein unterhaltsamer Abend mit Kabarett, Lyrik, Comedy und ganz viel so richtig guter Musik mit anspruchsvollen Texten. Heinz Rudolf Kunze ist immer noch eine Klasse für sich.

In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch zum 63. Geburtstag am kommenden Samstag!