Absolut sehenswert: "You'll Never Walk Alone"

Riesiger Presserummel am Dienstagabend in Essen vor der altehrwürdigen "Lichtburg", dem wahrscheinlich schönsten Kino Deutschlands. Die Vorpremiere des Kinofilms "You'll Never Walk Alone" der Florianfilm GmbH nach dem Drehbuch von (BVB-Dauerkarteninhaber) Hartmut Kasper stand auf dem Programm.

Der obligatorische Rote Teppich war ausgerollt, zahlreiches chic gekleidetes Sicherheitspersonal wartete genauso wie unzählige Medienvertreter sowie viele Passanten und BVB-Fans auf das Erscheinen der Prominenten.

"Aha!" ,meint der geneigte Leser dieser Zeilen, "ein Film über Borussia Dortmund und die Südtribüne!". Antwort: "Jein".

"Na dann ein Film über den FC Liverpool und das berühmte Stadion an der Anfield Road mit der kultigen Stehtribüne The Kop", entgegnet der geneigte Leser dieser Zeilen. Antwort: "Jein". 

"Ahhh!", hebt der geneigte Leser dieser Zeilen triumphierend den Zeigefinger, "um die Musikszene in Liverpool und den bekannten Mersey-Beat geht es!". Antwort: "Jein". 

Wir genießen die Verwirrung des geneigten Lesers dieser Zeilen nur für einen kurzen Moment, lassen nun aber die Katze aus dem Sack. Der Film "You'll Never Walk Alone" erzählt die Geschichte dieses Liedes, das mehr als ein halbes Jahrhundert so überhaupt nix mit Fußball oder Beatmusik zu tun hatte, nun aber aus den meisten Stadien dieser Welt nicht wegzudenken und zum Evergreen geworden ist.

Wer nun meint, dieses Thema gebe für einen abendfüllenden Kinofilm nicht genug her und sei bestimmt langweilig und trocken, der täuscht sich gewaltig!

Das liegt einerseits an der perfekten filmischen Umsetzung dieses Themas durch Regisseur André Schäfer und vor allem Kameramann und Grimme-Preisträger Andy Lehmann. Andererseits aber auch an dem äußerst sympathischen Hauptdarsteller Joachim Król, der diesen Film als bekennender Musik-, Fußball- und BVB-Fan förmlich durchlebt mit vielen autobiographischen Elementen. Dieser Film ist reinstes Gefühlskino. Er hat, wie das Leben selbst, heitere und dramatische Abschnitte, macht neugierig und verblüfft. 

Wenn man sich nun vergegenwärtigt, dass der Film von "mindjazz pictures" veröffentlicht wird, die sich hauptsächlich der Veröffentlichung und Vermittlung von Dokumentarfilmen widmen, erscheint diese Emotionalität des Films auf den ersten Blick ungewöhnlich und vielleicht sogar deplatziert. Aber es ist die Geschichte dieses Liedes selbst, die zusammen mit den betroffenen Darstellern diese Emotionalität erzeugt. Sie, lieber geneigter Leser dieser Zeilen, werden nach diesem Film das Lied für alle Zeiten völlig anders erleben, einen ganz anderen Zugang zu dem Lied erhalten.

Freuen Sie sich auf Mitwirkende wie Campino und den Toten Hosen, Trainer Jürgen Klopp, Gerry Marsden von Gerry & The Pacemakers, den Dirigenten Thomas Hengelbrock, Schauspielerin Mavie Hörbiger, Norbert Dickel und Lars Ricken vom BVB, Thomas Henneböhl von Pur Harmony, Schriftsteller und Journalist Matyas Sarkozi und Balett-Legende Jacques d'Amboise, Gründer des "National Dance Institute" in New York, sowie von der britischen Insel den Stadionsprecher des FC Liverpool George Sephton, die Überlebenden der Hillsborough-Katastrophe am 15.4.1989 in Sheffield Adrian Tempany und Damian Kavanagh, bei der 96 Menschen ums Leben kamen und 766 Menschen verletzt wurden und die Stadt Liverpool bis heute prägt, und viele andere Protagonisten.

Kinostart dieses Meisterwerks ist der 18. Mai. Und ich kann jedem nur eindringlich ans Herz legen, geht ins Kino und schaut diesen Film! Und vergesst die Taschentücher nicht...

Der geneigte Leser dieser Zeilen wird nun sicherlich herumquengeln, dass er noch gar nichts über den Dienstagabend in Essen erfahren hat. Stimmt! 

Geladen wurde die Medienmeute für 18.00 Uhr. Die Radio Runde Hamm ist bereits um 17.30 Uhr vor Ort, gerade zu dem Zeitpunkt, als die Verteilung der Presseausweise beginnt. Wir sind die Ersten, die das Ding umgehängt bekommen und das ganze Infomaterial erhalten. Dann geht es bewaffnet mit einem Becher Kaffee zum Roten Teppich. Was für ein gleißendes Rot! Das fällt mitten in der Fußgängerzone, der Kettwiger Straße in Essen, sofort ins Auge. Der rote Teppich biegt an der "Lichtburg" rechts in das Kino ab. Genau im Knick lassen wir uns nieder und markieren unser Revier mit Klebeband und Filzstift, ein Tipp neben uns stehender Fotografen. Noch ist nichts los. Die sehnsüchtig erwarteten BVB-Spieler sollen erst um halb Acht kommen. Eine der Organisatorinnen begrüßt mich mit Händedruck, mahnt zur Gelassenheit und verspricht für später "Bambule auf dem Roten Teppich". Na dann...

Ich schaue mich um und blicke in zahlreiche Fernsehkameras, z.B. von RTL und dem WDR, und auf zahlreiche Mikrofone und Smartphones, z.B. von WDR 4 in Gestalt von Thomas Steinberg (mein Gott, der schminkt sich ja) und dem DFB. Es ist sommerlich warm, erst kürzlich fiel das Thermometer von 28 auf 27 Grad.

Dann, gegen 19.00 Uhr, erblicke ich neben dem Roten Teppich Joachim Król. Sofort stürzt sich die Medienmeute auf den ersten wichtigen Prominenten. Joachim Król lässt den Trubel gut gelaunt über sich ergehen, kommt schließlich auf den Roten Teppich und steht geduldig lächelnd für alle Fotografenwünsche zur Verfügung. Und dann kommt der Filmregisseur André Schäfer und verrät, dass der Film genau 99.09 Minuten lang ist, also mit Borussenminute, und dass er genauso lange sehr nervös sei,  weil viele Fußballspieler, Akteure und Gäste aus Dortmund und Liverpool den Film zuvor noch gar nicht gesehen hätten. 

Inzwischen ist es sehr voll geworden. Immer mehr Medienvertreter kommen in die enge Pressegasse. Joachim Król gibt WDR 4 ein Interview und verrät, dass für ihn ein Höhepunkt der Dreharbeiten in Liverpool an der Anfield Road zusammen mit Campino gewesen sei. Angesprochen auf ein Fußballspiel, ich vermute das Pokalfinale in Berlin, tippt Król ein 2:1 für den BVB. Der Fußballgott möge ihn erhören!

Und dann wird es tatsächlich hektisch. Immer mehr Promis erscheinen auf dem Roten Teppich, vom BVB- und Film-Sponsor "Evonik", vom Filmteam, die Moderatorin des Abends, ZDF-Sportstudio-Legende Dieter Kürten, Sebastian Kehl und Lars Ricken, BVB-Spieler i.R., und dann, endlich, kommt die aktuelle Mannschaft des BVB mit Andre Schürrle, Marcel Schmelzer, Roman Weidenfeller, Marco Reus, Gonzalo Castro, Sven Bender, Nuri Sahin und vielen anderen. Der ganze Tross strömt nach kurzem Aufenthalt für Fotos und Autogramme ins Kino. Ach, und da ist auch noch Manni Breuckmann, die Reporter-Legende, Thomas Henneböhl von Pur Harmony, der das Lied "You'll Never Walk Alone" 1996 für das Westfalenstadion umarrangierte und es in Dortmund etablierte, Norbert Dickel, der Held aus Berlin und heutiger Stadionsprecher des BVB und und und. 

Jetzt wird es Zeit, in das Kino zu gehen. Noch kurz eine leckere Limo gekauft und hinein in den legendären Kinosaal. Wow, was für ein Anblick. Riesig, einfach wunderschön, bombastisch. Die filigrane Deckenbeleuchtung, die Loge, der riesige rote Vorhang... ein Augenschmaus!

Unser Platz ist in der allerersten Reihe. Es herrscht erwartungsfrohe Aufregung. Und es ist rappelvoll, und das in dem riesigen Saal.

Nach kurzer Anmoderation geht es endlich los. Das Licht erlischt, der große rote Vorhang geht auf und gibt den Blick auf die gigantische Leinwand frei. Das ist noch Kino der traditionellen Art, mit Stil und Würde!

Der Film fesselt mich, ein paar Tränen hier und da kullern, ich bin total begeistert. Oft gibt es während des Films Applaus, so sehr reißt er das Publikum mit.

Und so schnell können 99,09 Minuten vorbei sein. Begeisterter Applaus brandet auf. Der Film hat ganz offensichtlich großen Eindruck gemacht, das Filmteam ist glücklich und betritt die Bühne vor dem roten Vorhang. Und dann werden die erschienenen Protagonisten auf die Bühne hinzugeholt und der Beitrag aller Beteiligten erklärt. Auch einige Sängerinnen und Sänger des im Film eine wichtige Rolle spielenden Baltasar-Neumann-Ensembles sind auf der Bühne. Schließlich soll der ganze Kinosaal zusammen mit eben diesen Sängerinnen und Sängern das Lied "You'll Never Walk Alone" singen, auch Joachim Król singt lauthals mit. Das Ergebnis ist, na ja... die beiden Überlebenden der Hillsborough-Katastrophe wirken auf der Bühne jedenfalls etwas gequält. Keine Frage, in Liverpool auf The Kop sind die besseren Sänger als im Kinosaal.

Und dann ist das Spektakel vorbei. Im Kinofoyer treffen wir noch Charlotte Roche, Johann König und draußen den Sportreporter Matthias Bongard. Und als wir gehen wollen, fällt unser Blick auf den WDR-Moderator Martin von Mauschwitz (Aktuelle Stunde), der einen Kinderwagen hin und her schiebt. Er ist nur zufällig dort und befragt uns über den Film und unseren Eindrücken. Und sein erster Gedanke ist exakt mein erster Gedanke gewesen: war auch Pink Floyd Thema, die auf ihrem Album Meddle 1971 im Stück "Fearless" den Song "You'll Never Walk Alone" verarbeitet haben? Antwort: Nein! Dafür hatten wir zwei Martins kein Verständnis. Schade. Und so schiebt Martin von Mauschwitz den Kinderwagen vor dem Kino weiter und weiter und weiter hin und her, während wir zum Ausklang im Café nebenan noch eine Limo schlürfen und alle Joachim Król hinterher winken.

Und was sagt uns das alles, lieber geneigter Leser dieser Zeilen:

a) Leute vom Fernsehen sind auch nur ganz normale Menschen

b) Geht unbedingt in den Kinofilm ab 18. Mai

c) Joachim Król ist ein verdammt sympathischer Kerl

Fotogalerie von der Premiere am 16. Mai 2017